Sie befinden sich hier:

Lebensversicherung: Der Fiskus hält die Hand auf

Jahrzehntelang war die Kapitallebensversicherung der Vorsorgeklassiker für deutsche Sparer. Fast 90 Millionen Verträge werden gegenwärtig regelmäßig bespart oder sind beitragsfrei gestellt. Doch die anhaltende Zinsflaute macht den Lebensversicherern schwer zu schaffen. Sie haben in der Vergangenheit Kunden mit langfristigen Garantiezinsen angelockt und können diese mit sicheren Geldanlagen am Kapitalmarkt kaum mehr verdienen. Auf Druck des Gesetzgebers muss die Assekuranz ihre Rücklagen um Milliardenbeiträge aufstocken – auch das drückt die Gewinnbeteiligung der Sparer.

Viele Kunden überlegen angesichts dieser Misere, ihre Police zu Geld zu machen. Doch das sollte man nicht voreilig tun, um finanzielle Einbußen und unnötige Abgaben zu vermeiden. Gerade ältere Verträge sollte man unbedingt weiter besparen oder bis zur Fälligkeit liegen lassen. Sie bringen je nach Abschlusszeitpunkt Garantiezinsen bis zu vier Prozent – aktuell eine Spitzenrendite für eine sichere Geldanlage.

Altverträge steuerlich privilegiert

Nur wenige dürfen die ausgezahlte Summe einfach so behalten und müssen nicht mit dem Finanzamt und den Sozialkassen teilen. Stirbt der Versicherte während der Ansparphase, dürfen seine Hinterbliebenen die für den Todesfall vereinbarte Summe steuer- und abgabenfrei vereinnahmen. Erlebt der Versicherungsnehmer den Vertragsablauf seiner Police, bleibt die Ablaufleistung steuerfrei, wenn der Vertrag bis zum 31. Dezember 2004 abgeschlossen wurde und in einer Summe ausgezahlt wird. Weitere Voraussetzun: Bis zur Auszahlung, zu einem Verkauf oder einer vorzeitigen Kündigung hatte die Police eine Laufzeit von mindestens zwölf Jahren, und es wurden mindestens fünf Jahre lang Beiträge gezahlt. Für nach dem 31. März 1996 abgeschlossene Verträge (bei Direktversicherungen über den Arbeitgeber: Abschluss nach dem 31. Dezember 1996) muss der Todesfallschutz außerdem mindestens 60 Prozent der Beitragssumme über die gesamte Laufzeit betragen haben.

Das Steuerprivileg kann entfallen, wenn die Police zur Tilgung oder Sicherung eines Darlehens zur Finanzierung vermieteter Immobilien eingesetzt wurde. Übersteigen die zur Darlehensbesicherung verwendeten Lebensversicherungsansprüche die mit dem Darlehen finanzierten Anschaffungskosten der Immobilie, ist eine steuerschädliche Verwendung gegeben, die in vollem Umfang zur Steuerpflicht der in der Versicherung angesparten Zinserträge führt (Urteil des Bundesfinanzhofs vom 12.10.2005, Az. VII R 19/04/NV). Wird eine solche Altpolice (Vertragsabschluss vor 2005) in Form einer Rente ausgezahlt, muss der sogenannte Ertragsanteil versteuert werden. Die Höhe dieses Ertragsanteils richtet sich nach dem Alter bei Rentenbeginn.

Neu-Policen: Geduld wird belohnt

Anfang 2005 wurde für Neuverträge das Privileg der Steuerbefreiung gekippt. Erträge aus Lebensversicherungen unterliegen seitdem grundsätzlich nach Abzug des Sparerpauschbetrages von 801 Euro für Ledige und 1.602 Euro für Verheiratete der Abgeltungssteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und eventuell Kirchensteuer.

Es greift allerdings eine ermäßigte Besteuerung, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Der Vertrag muss eine Mindestlaufzeit von zwölf Jahren aufweisen, und die Auszahlung darf erst nach dem 60. Geburtstag des Versicherungsnehmers erfolgen. Für Vertragsabschlüsse ab 2012 gilt die Steuervergünstigung erst für Auszahlungen ab dem 62. Lebensjahr. Frühestens seit Anfang dieses Jahres kann man also bei solchen Neuverträgen aus 2005 steuerbegünstigt Kasse machen. Ist das gegeben, sind nur 50 Prozent der Erträge zum individuellen Steuersatz steuerpflichtig. Da der Spitzensteuersatz in Deutschland bei 45 Prozent liegt, zahlen Versicherungs-Sparer im schlechtesten Fall also diese 45 Prozent auf die Hälfte ihrer Erträge oder umgerechnet maximal 22,5 Prozent auf ihren Gesamtertrag. Bei niedrigerem Gesamteinkommen verringert sich auch die Steuerbelastung auf die Versicherungsauszahlung.

Ermäßigung gilt für alle Arten von Kapitalversicherungen

Die ermäßigte Besteuerung gibt es auch für fondsgebundene Lebensversicherungsverträge, bei denen die Versicherungsgesellschaft die Beiträge während der Laufzeit in Fonds investiert hat. Welcher Betrag bei Fälligkeit der Police genau steuerpflichtig ist, ermittelt der Versicherer anhand der Formel „Auszahlungen minus geleistete Beiträge“. Die Versicherungsgesellschaft ermittelt die steuerpflichtigen Erträge und behält auf die Gesamtsumme zunächst 25 Prozent Steuern plus Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer ein. Sie erteilt dem Kunden über den Steuerabzug eine Steuerbescheinigung. Unterliegt die Police aber nur einer ermäßigten Besteuerung, schulden Sparer dem Finanzamt viel weniger Steuern.

Anleger müssen in diesem Fall selbst aktiv werden und sich den zu viel bezahlten Anteil über die Steuererklärung zurückholen. Dafür müssen sie die Anlage KAP ausfüllen und die Steuerbescheinigung ihrer Versicherungsgesellschaft über die bereits vorgenommenen Steuerabzüge im Original beim Finanzamt vorlegen. Neben dem Sparerpauschbetrag erkennt das Finanzamt keine weiteren tatsächlichen Werbungskosten im Zusammenhang mit den Versicherungserträgen an. Erlittene Verluste – zum Beispiel aus einer fondsgebundenen Lebensversicherung – lassen sich aber mit anderen Einkünften steuersparend verrechnen. Nach einem Urteil des Bundesfinanzhofs (Az. VIII B 90/10) sind beim Abschluss der Police gezahlte Vermittlungsgebühren als steuerliche „Anschaffungskosten“ zu werten. Addiert man diese den entrichteten Beiträgen hinzu, verringert sich der steuerpflichtige Anteil. Versicherte sollten diese Kosten in der Steuererklärung des Auszahlungsjahres nachträglich geltend machen.

Schlupflöcher werden geschlossen

Auch ohne Kündigung oder Fälligkeit der Police kann das Finanzamt seit Anfang 2009 Abgeltungssteuer einfordern – wenn der Kunde seinen nach 2004 abgeschlossenen Vertrag am Zweitmarkt zu Geld gemacht hat. Steuerpflichtig ist in diesem Fall der Differenzbetrag zwischen dem Kaufpreis, den der Policenaufkäufer gezahlt hat, und den bis dahin vom Kunden gezahlten Beiträgen. Die Versicherungsgesellschaft ist per Gesetz verpflichtet, dem Finanzamt des Versicherungsnehmers den Policenverkauf mitzuteilen. Dieser ist verpflichtet, seinen Veräußerungserlös in der Steuererklärung anzugeben und eventuelle Steuern nachzuentrichten.

Seit Anfang 2015 sind für die Erwerber solcher Policen auch ausgezahlte Ansprüche aus gekauften Lebensversicherungen nach dem Eintritt des Versicherungsfalles steuerpflichtig. Als steuerpflichtiger Betrag wird der Differenzbetrag zwischen der Versicherungsleistung bei Eintritt des versicherten Risikos und den Aufwendungen für den Kauf des LV-Vertrages und ggf. weiterer übernommener Beiträge angenommen.

Es bleibt aber bei der bisherigen Steuerfreiheit, wenn die versicherte Person die Police selbst zurückgekauft hat oder wenn Abfindungs- und Ausgleichsansprüche arbeitsrechtlicher, erbrechtlicher oder familienrechtlicher Art durch Übertragung von Ansprüchen aus der Police erfüllt werden – der Erwerb der Police auf dem Zweitmarkt also nicht in erster Linie zur eigenen Kapitalanlage erfolgt ist. Bis Ende 2014 blieben Versicherungsleistungen nach dem Verkauf der Police und Eintritt des Versicherungsfalles steuerfrei – auch diese Lücke hat der Gesetzgeber geschlossen.

Krankenkasse kassiert bei Direktversicherungen ab

Die gute Nachricht vorweg: Hat man als Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung oder als PKV-Versicherter eine private Lebensversicherung abgeschlossen, fallen bei Auszahlung der angesparten Summe keine Sozialbeiträge an. Wurde die Police aber über den Arbeitgeber als Direktversicherung abgeschlossen, werden seit Anfang 2004 die vollen Beiträge zur Kranken- und Pflegekasse fällig. Allerdings fallen diese nicht auf einen Schlag an. Die Beitragsforderung wird auf zehn Jahre verteilt – man zahlt zehn Jahre lang auf 1/120 der beitragspflichtigen Auszahlung den aktuellen Beitragssatz seiner Krankenkasse plus Zusatzbeiträge. Ärgerlich: Steigt in diesen zehn Jahren der Beitragssatz der Kasse, fallen automatisch auch höhere Beiträge auf die angesparte Lebensversicherung an.

Beispiel: Bei 120.000 Euro Auszahlungssumme beträgt der Krankenkassenbeitrag momentan 18.840 Euro (geschätzt 15,7 Prozent). Monatlich zahlt man daher 157 Euro (1/120 von 18.840 Euro).

Gekniffen sind auch Beitragszahler, die in der gesetzlichen Krankenversicherung freiwillig versichert sind. Sie müssen die vollen Beiträge auf die Auszahlungen der Lebensversicherung abdrücken – unabhängig davon, ob die Police in einer Summe oder als Rente ausgezahlt wird. Nur bei Auszahlung einer Risikolebensversicherung fallen weder Steuern noch Sozialabgaben an.