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Multiple Sklerose: Erkrankung und Behandlung

Bei der Multiplen Sklerose (kurz: MS, aber auch Encephalomyelitis disseminata bzw. ED genannt) handelt es sich um eine autoimmune, chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, die in verschiedenen Verlaufsformen auftritt und die das Zentralnervensystem (ZNS), also Gehirn, Rückenmark und die Sehnerven befallen kann. Erste Symptome einer Multiplen Sklerose zeigen sich meistens im Alter von 20 bis 40, am häufigsten im jungen Erwachsenenalter. Erkrankungen im Kindesalter und im fortgeschrittenen Erwachsenenalter ab 60 Jahren sind allerdings nicht ausgeschlossen. Frauen erkranken zwei- bis viermal so häufig wie Männer an einer MS. Weltweit sind ca. 2,5 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen, in Deutschland sind es momentan um die 200.000 (70 Prozent davon Frauen). Hierzulande liegt das Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken bei ungefähr 0,1 bis 0,2 Prozent.

Multiple Sklerose: Was geht im Körper vor?

Die Multiple Sklerose besteht in einer fehlerhaften Autoimmunreaktion des Körpers, das heißt: Fälschlicherweise greifen Abwehr- und Entzündungszellen, vor allem sogenannte T- und B-Zellen sowie bestimmte Botenstoffe, eigentlich gesunde körpereigene Strukturen an und schädigen sie nachhaltig. Geschädigt werden in erster Linie die Isolierschichten von Nervenzellen, die sie einhüllenden Myelinscheiden, und daraufhin auch die Nervenfasern selbst. In der Folge können Nervenreize in den betroffenen Fasern nur noch schlecht oder zuweilen auch gar nicht mehr übertragen werden. Ähnlich wie bei elektrischen Kabeln, die ihre Isolierschicht verloren haben, gelangen (Nerven-) Impulse nicht mehr mit der nötigen Geschwindigkeit an den richtigen Ort. Die fortwährenden Angriffe auf die Myelinscheiden der Nervenzellen lassen in Rückenmark und Gehirn innerhalb der weißen Substanz mit der Zeit verstreut viele entzündliche Entmarkungsherde entstehen, welche nahezu jedes neurologische Symptom hervorrufen können. Die Krankheit verläuft somit fortschreitend.

Ursachen der Multiplen Sklerose

Die genauen Ursachen der Multiplen Sklerose sind bis heute von der medizinischen Forschung noch nicht genau bestimmt worden. Es gibt aber Annahmen über mögliche Ursachen und Auslöser, die die Entstehung der Krankheit zumindest begünstigen sollen:

Vererbung

Es gibt Hinweise darauf, dass eine gewisse genetische Disposition für das Auftreten der Krankheit besteht. Eine Erkrankung von Blutsverwandten erhöht dieser Hypothese zufolge die Wahrscheinlichkeit, an Multipler Sklerose zu erkranken, allerdings nur geringfügig, weshalb die MS ausdrücklich nicht zu den Erbkrankheiten gezählt werden darf. Ein weiteres Indiz für eine genetische Prädisposition stellt die Tatsache dar, dass die Krankheit nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich häufig vorkommt. So erkranken beispielsweise Afrikaner und Hispanics seltener als Mittel- und Nordeuropäer an der Autoimmunkrankheit.

Sonneneinstrahlung

Letzterer Befund hat auch zur Annahme geführt, dass die Intensität der Sonneneinstrahlung mit der Entstehung von Multipler Sklerose zusammenhängen kann. Vermutet wird in diesem Zusammenhang, dass eine mangelhafte Vitamin-D-Versorgung im Kindesalter, die durch Tageslichtmangel hervorgerufen wird, das Auftreten der Multiplen Sklerose im jungen Erwachsenenalter begünstigt. Dem Vitamin D werden innerhalb der Medizin zahlreiche immunmodulatorische und entzündungshemmende Effekte zugesprochen.

Lebensstil

Angenommen wird weiterhin, dass der jeweilige Lebensstil einen Einfluss auf die Anfälligkeit für eine MS-Erkrankung haben kann: Rauchen und Übergewicht bzw. falsche Ernährung scheinen eine Erkrankung zu begünstigen. Man vermutet in diesem Zusammenhang, dass die Darmflora an der Entstehung einer MS beteiligt sein könnte.

Infektionen

Dass die Multiple Sklerose durch bestimmte Erreger ausgelöst oder begünstigt werden kann, liegt im Bereich des Möglichen, konnte aber bislang nicht verifiziert werden. Verschiedene Erreger, wie der Epstein-Barr-Virus oder verschiedene Herpes-Viren, stehen im Verdacht, bei der Auslösung der Krankheit eine Rolle zu spielen. Multiple Sklerose gilt aber eindeutig nicht als eine ansteckende Krankheit!

Symptome

Da die Multiple Sklerose mit Störungen und Schädigungen an verschiedenen Stellen des Zentralen Nervensystems einhergehen kann, sind die Symptome der Krankheit mehr als vielfältig. Sie lassen sich aber hinsichtlich der Häufigkeit ihres Auftretens voneinander differenzieren. Zu den Symptomen einer MS zählen die folgenden:

  • Empfindungsstörungen an Armen und Beinen (30 bis 50 Prozent der Betroffenen)
  • Sehstörungen (ca. 20 Prozent der Betroffenen)
  • Störungen der Muskelfunktion (Kraftlosigkeit, Lähmungen, erhöhte Muskelsteifigkeit, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, dritthäufigstes Krankheitsanzeichen)
  • Fatique (abnorme Müdigkeit)
  • Undeutliche, verwaschene Sprache und andere Sprechstörungen
  • Spastiken, vor allem Gangstörungen
  • Kraftlosigkeit, Gefühlsstörungen insbesondere der Beine, Unsicherheiten beim Gehen und Stehen
  • Sexuelle Störungen
  • Darmentleerungsstörungen
  • Unsicherheiten bei gezielten Bewegungen
  • Psychische Störungen

Krankheitsverlauf

Die Multiple Sklerose tritt, grob gesagt, in zwei unterschiedlichen Verlaufsformen auf, nämlich schubförmig oder chronisch-voranschreitend.

Schubförmiger Verlauf
Ein schubförmiger Krankheitsverlauf ist bei etwa 80 Prozent der Betroffenen festzustellen: Ein Schub offenbart neue und nicht anderweitig erklärbare Krankheitssymptome und dauert von 24 Stunden bis zu mehreren Wochen an. Auslöser für einen solchen Krankheitsschub sind meistens nicht eindeutig auszumachen, Stress, seelische und körperliche Belastungen sowie Infektionen scheinen ihn jedoch zu begünstigen. Die Intervalle, mit denen die Krankheitsschübe auftauchen, variieren sehr stark zwischen mehreren Wochen, Monaten oder auch Jahren. Man unterscheidet dabei zwischen Schüben mit kompletter Remission, bei denen sich die Symptome wieder vollständig zurückbilden, und solchen mit inkompletter Remission, bei denen Restsymptome, also irreversible Funktionsstörungen zurückbleiben. Letztere treten vor allem im fortgeschrittenen Krankheitsstadium auf.

Chronisch-voranschreitender (chronisch-progredienter) Verlauf
Als chronisch-voranschreitend gilt ein Krankheitsverlauf, der langsam und kontinuierlich zu einer körperlichen Verschlechterung führt, Symptome und Beschwerden nehmen also allmählich immer mehr zu. Selten ist ein chronisch-voranschreitender Verlauf ohne große Schübe von Anfang an (primär-progredient), meistens nämlich stellt sich eine kontinuierliche Verschlechterung erst im späteren Krankheitsstadium im Anschluss an einen schubweisen Krankheitsbeginn ein.

Prognose

Eine Prognose zum weiteren Krankheitsverlauf abzugeben, ist von ärztlicher Seite bei der Diagnose einer Multiplen Sklerose kaum möglich. Ein günstiger Krankheitsverlauf ist aber dann eher zu vermuten, wenn folgende Faktoren vorliegen:

  • Krankheitsbeginn unter 40 Jahre
  • Erstsymptom: Sehnerventzündung oder Sensibilitätsstörungen
  • Schubförmige Verlaufsform
  • Wenige Schübe mit kompletter Rückbildung der Beschwerden
  • Weibliches Geschlecht

Erfahrungswerte zeigen, dass die Krankheit unterschiedliche Intensitäten annehmen kann, die jeweils etwa ein Drittel der Erkrankten betreffen:

  • Ein Drittel der Patienten lebt ohne größere Beeinträchtigungen im weiteren Verlauf.
  • Ein weiteres Drittel muss mit Beschwerden zurechtkommen, die Alltagstätigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zu einer Alltagsuntauglichkeit oder Berufsunfähigkeit führen.
  • Beim letzten Drittel der MS-Erkrankten ist mit schweren Beeinträchtigungen, Berufsunfähigkeit und sogar Pflegebedürftigkeit zu rechnen.

Bei guter ärztlicher Versorgung lassen sich Folgeerkrankungen vermeiden oder zumindest weitgehend eindämmen. Die allgemeine Lebenserwartung ist bei einem eher milden Krankheitsverlauf kaum geringer als bei nicht betroffenen Patienten, bei schwereren Krankheitsverläufen liegt sie, statistisch betrachtet, etwa sechs bis zehn Jahre unter der allgemeinen.

Diagnose

Erster Ansprechpartner für Patienten mit dem Verdacht auf MS ist natürlich der Hausarzt, der bei Bestätigung des Verdachts dann zumeist an einen Neurologen überweist. Nach einer ausführlichen Anamnese werden in der neurologischen Praxis dann verschiedene Untersuchungen vorgenommen, zu denen die folgenden zählen:

  • Blutuntersuchung
  • Liquordiagnostik (qua Liquor- bzw. Lumbalpunktion: Untersuchung des Nervenwassers)
  • Bildgebende Untersuchungen (MRT, Kernspintomographie)
  • Spezielle Nervenuntersuchungen (VEP, AEP, SEP)
  • McDonnald-Kriterien
  • Ausschluss anderer Krankheiten (Syphilis, Borreliose, HIV, Gefäßentzündungen, Autoimmunkrankheiten, Neuromyelitis optica, akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM), Stoffwechselkrankheiten, psychische Leiden etc.)

Therapie

Grundsätzlich ist Multiple Sklerose nicht heilbar, doch lassen sich die Symptome der Krankheit in ihrem Fortschreiten oft effektiv verlangsamen und bisweilen sogar stoppen. Insgesamt kann man die MS-Therapie in drei Bereiche unterteilen:

  • Verlaufsmodifizierende Therapie
  • Schubtherapie
  • Symptomatische Behandlung und zusätzliche Maßnahmen

Verlaufsmodifizierende Therapie (Immunmodulation und Immunsuppression)

Die Verlaufsmodifizierende Therapie ist eine Langzeittherapie qua Medikamentengabe. Bei einem milden und moderaten Krankheitsverlauf kommen in diesem Zusammenhang folgende Präparate zum Einsatz:

  • Interferon-beta-Präparate
  • Glatirameracetat
  • Teriflunomid
  • Dimetyhlfumarat
  • Azathioprin
  • Immunglobuline

Für die Therapie im Falle eines hochaktiven Krankheitsverlaufs stehen folgende Medikamente zur Verfügung:

  • Natalizumab
  • Fingolimod
  • Alemtuzumab
  • Daclizumab
  • Cladribin
  • Mitoxantron
  • Cyclophosphamid

Schubtherapie

Zur Linderung der Symptome im Zusammenhang mit einem akuten MS-Schub werden per Veneninfusion

  • Kortisonpräparate

verabreicht, die allerdings mit unerwünschten Nebenwirkungen (zum Beispiel Schlafstörungen) einhergehen und sich deshalb nicht zur Langzeittherapie eignen. Zeigen diese Präparate auch nach wiederholter Gabe keinerlei Wirkung, kann eine sogenannte

  • Blutwäsche (Plasmapherese, alternativ Immunadsorbtion)

durchgeführt werden.

Sympomatische Therapie und zusätzliche Maßnahmen

Da die Multiple Sklerose mit vielfältigen Symptomen und Folgewirkungen einhergeht, sind von Fall zu Fall unterschiedliche Maßnahmen ergänzend zu der eigentlichen Ursachenbekämpfung angeraten. Zu diesen Maßnahmen zählen beispielsweise physiotherapeutische (zum Beispiel bei Muskelverspannungen), psychotherapeutische (zum Beispiel bei Depressionen), logopädische (Sprechstörungen), ergotherapeutische (Bewegungsprobleme) oder auch medikamentöse.